Montag, 23. Januar 2017

Das neue Jahr


Das neue Jahr hat nach Meinung vieler mit der größtmöglichen Katastrophe begonnen, die schlechthin vorstellbar ist - mit der Wahl des frauenverachtenden, populistischen Großunternehmers Donald J. Trump. Was er vorhat, was er wirklich tun wird, steht in den Sternen. Es ist auch angesichts seiner Spontaneität - ständig den Finger am Twitter - vulgo seiner Unberechenbarkeit schwer vorherzusagen. Also wird munter spekuliert und dramatisiert, wie gestern bei Anne Will und auf hunderttausend anderen Kanälen. Derweil dreht sich die Welt munter weiter.

In der Türkei vollzieht sich die "radikalste Reform der türkischen Demokratie seit mehr als 60 Jahren", wie die Neue Zürcher schreibt. Syrien ist nach wie vor von einem Frieden weit entfernt. Russland veranstaltet mit Japan gemeinsame Manöver, und die Ukraine weiß nicht, wie es mit Russland, mit dem Minsker Abkommen, und allen voran, mit den Vereinigten Staaten weiter gehen soll. Kurz gesagt: die schwierige, um nicht zu sagen, beängstigende Erblast, die die Ära Obama der Welt hinterlassen hat, wäre Grund genug, weder die zuendegegangene Präsidentschaft zu glorifizieren, noch die neue zu dramatisieren. Daß das nicht geschieht, sagt viel über den Zustand unseres öffentlichen Diskurses aus.

Donnerstag, 21. Januar 2016

Das neue Dekret


Ist das noch wohlverstandene Reform oder schon Revolution? Papst Franziskus hatte ja schon Aufmerksamkeit, Staunen und Begeisterung ausgelöst, als er nicht länger nur Männern am Gründonnerstag die Füße wusch, sondern Arme, Alte, von der Gesellschaft an den Rand gedrängte Menschen auswählte. Diese soziale Umdeutung der Fußwaschung ist nun in ein Dekret gegossen worden, das man etwas despektierlich mit der Überschrift versehen könnte: "Fußwaschung jetzt für alle". Am 6. Januar dieses Jahres war dieses Dekret der Gottesdienst-kongregation bereits ergangen, publiziert wurde es am 21. Januar. Die Vorschrift, nach der nur zwölf Männern in der Liturgie vom Gründonnerstag die Füße gewaschen werden, wird damit abgeschafft. Bekanntlich symbolisieren die zwölf Männer die zwölf Apostel im Abendmahlssaal, die Jesus Christus am Gründonnerstag zu Priestern geweiht hat, und die "Messe vom Letzten Abendmahl" ist bekanntlich die Erinnerung an die Einsetzung des Priestertums und der heiligen Messe. Ab sofort gilt: Die Geistlichen sollen künftig dafür eine kleine Gruppe von Gläubigen wählen, die die Vielfalt und Einheit von jedem Teil des Volkes Gottes darstellt. Diese Gruppe kann aus Männern und Frauen, Jung und Alt, Gesunden und Kranken, Priestern, Ordensleuten und Laien bestehen.

Man konnte das Dekret rein positivistisch als einen pragmatischen Akt, als Ausdruck der Regierungsstärke des neuen Papstes sehen, die sich deutlich von der zögerlichen Art seines Vorgängers absetzt. Traditionstreue Katholiken wünschen sich im nachhinein, daß Benedikt XVI. kraft seines Amtes als höchster Gesetzgeber der Kirche per Dekret etwa das Indult für die Handkommunion abgeschafft und die Reform der Reform in anderen Bereichen tatkräftig durchgesetzt hätte. Benedikt wäre als Gesetzgeber allzu vorsichtig gewesen. Und er hätte gemäß der Tradition gehandelt, die das neue Dekret großzügig und pragmatisch über den Haufen stößt. Denn Apostolinnen waren nach Auffassung der Tradition nicht im Abendmahlssaal. Auch wollte Christus nach der Überlieferung der Kirche keine Frauen zu Priestern weihen. Die Gerüchteküche kocht erneut, ob das nur ein weiterer spontanter Einfall des argentinischen Papstes ist, wie wir ihn immer wieder erleben, oder ob er Weiterreichendes präjudiziert. Die Dekretierung ist der Feind des Spontanen.

Donnerstag, 20. März 2014

Lewitscharoff und der offene Diskurs


Papst Benedikt XVI. sprach von einer Diktatur des Relativismus. Er hatte recht, auch und gerade in seiner Wortwahl. Anfragen an die Moderne werden nicht mehr mit Erklärungen erwidert, sondern mit Verdammungsurteilen. Wer früher die Kirche als die große Verdammerin verurteilt hatte, müßte sich den Übeltäter heute dort suchen, wo man einst ganz natürlich den Hüter der Freiheit erwartet hatte. Das ist das Paradox der ungezügelten Vernunft, die der letzte Papst kritisiert hatte, und dafür schärfste Widerworte erhalten hatte, die tief blicken ließen.

Genauso wie die Widerworte, die sich die Literatin Sybille Lewitscharoff in den letzten Tagen gefallen lassen mußte. Oft genug hatte man den starken Verdacht, daß der Kritiker oder die Kritikerin überhaupt nicht gelesen hat, was die mit Preisen überhäufte Literatin in ihrer Rede wirklich gesagt hat. Sprachlos machen auch die Forderungen aus dem Munde der Freiheitsfreunde, Lewitscharoff aus dem Kreis derer zu verbannen, die sich noch literarisch äußern dürfen. Man weigert sich zu lesen, man will nicht verstehen, man erteilt Bannflüche, auf der Grundlage einiger aus dem Zusammenhang gerissener Sätze. Wenn das nicht die Kapitulation freiheitlicher Kultur ist, wenn das nicht die Indizien einer sich verfestigenden Meinungsdiktatur sind, dann fragt man sich, was dazu noch fehlt.

Die Schrifstellerin und Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff, die bisher mit einer Reihe großartiger Romane hervorgetreten war, hatte in Dresden ihre Kritik an der Reproduktionsmedizin gäußert. Die Rede war über weite Strecken eindeutig literarisch angelegt. Doch die veröffentlichte Meinung nahm ihre Metaphern wörtlich, biß sich daran fest, um das eigentliche Anliegen der Literatin nicht erwähnen zu müssen. Sie verdammte das seelenlose Geschäft, der das Wohl und Wehe der daraus hervorgehenden Kinder egal ist, von Kindern, die ihre Väter niemals sehen werden. Gegen diese fürchterlich reaktionäre Auffassung, daß Kinder ihre Eltern kennen sollten, daß sie nicht Produkt des Machbarkeistwahns sind, das empfindet die Moderne als Affront. Und sie tut es mit Ignoranz, mit bewußtem Nicht-Verstehen-Wollen. Lewitscharoff verwarf die Onanie, nicht weil sie aus irgendwelchen katholisch-reaktionären Motiven dagegen wäre, sondern sie findet sie widerlich, wenn sie Teil dieses Machens ohne Seele ist.

Der SZ-Redakteur Benedikt Sarreiter fragte dennoch naiv, es stelle sich die Frage, „warum sie hier den Begriff Onanie wählt, es hätte ja auch einfach künstliche Befruchtung sein können. Wahrscheinlich um den Ekel vor den „Machinationen“ noch zu steigern. Denn der wahre, der gute, vitale, gottgefällige Sex kann nicht der mit sich allein sein, sondern nur der zwischen Mann und Frau.“ Die Onanie ist nicht nur Teil der Reproduktionsmedizin, sie ist Teil des umfassenderen modernen Projekts der Selbstbestimmung, der Auflösung jeder Ordnung. Das Individuum und sein Wille zur Lust steht über allem. Norman Mailer, der vom „guten Kampf“ spricht, Kant und Rousseau, die die Onanie als Verirrung und Verbrechen verwerfen, erkannten noch, daß die Onanie Egoismus ist, und in extremis zum Zerfall der Persönlichkeit wie der Gesellschaft führen kann, wie wir es heute im Zeitalter der überall greifbaren Pornographie wie im Labor beobachten können.

Es ging Lewitscharoff nicht um das alte Verbot, Samen zu verschwenden, wie Sarreiter unterstellt, sondern um das egoistische, anarchische Moment der Onanie, was sie in der Forderung zuspitzte, sie zu verbieten. Auch die als skandalös empfundene Beschreibung des aus technischer Produktion entstandenen Lebens erscheint nur skandalös, wenn man jeden Sinn für literarische Stilmittel und erst recht den Gesamtzusammenhang ausblendet. Dieses produzierte Leben ist für Lewitscharoff „weniger wert“, wie der SZ-Autor unterstellt, nicht an sich, sondern weil unsere Zeit das Leben zu einem Produkt gemacht hat und vergessen zu haben scheint, was eine hohe Kultur ausmacht - daß das Leben Frucht der Liebe sein soll.

(Bild: Thüringische Landeszeitung)

Dienstag, 11. März 2014

Suche nach einem Nachfolger


Die deutsche Bischofskonferenz sucht nach einem neuen Vorsitzenden, und die Ohrenflüsterer und lauten Dauer-Rufer nach einem "Reformer" bringen sich schon mal in Stellung. Auffällig sind die Halbwahrheiten, bisweilen auch offenen Verdrehungen, die bewußt den Druck erhöhen sollen, am Mittwoch einen Nachfolger zu wählen, der dem Reformflügel, den Kirchenbewegten von unten behagt. Das Hamburger Nachrichtenmagazin behauptet, den frischen Wind der Reformen von Papst Franziskus würde der deutsche Klerus nicht selten als "unangenehm steife Brise" empfinden. Der deutsche Klerus als verschanzter konservativer Block, der sich gegen das reformistische Rom wehrt!

Da seit Jahren eher die umgekehrte Lage gilt, hat, wer solche Bilder zeichnet, ganz anderes im Sinn. Das beweisen die Forderungen, die folgen: ein die Armut beschwörender Radikalreformer in Rom stünde, so das Magazin, gegen eine prachtverliebte, an rückständigen Sexualnormen hängende deutsche Kirche. Zuletzt haben die deutschen Bischöfe eher relativiert als bekräftigt, wenn es um die Unverbrüchlichkeit der Ehe oder andere heiße Eisen der katholischen Moral ging. Und der Papst hat ebenso wie die deutschen Bischöfe und in absoluter Übereinstimmung mit dem Katechismus, den Kardinal Ratzinger maßgeblich redigierte, gelehrt, daß Homosexuelle nicht diskriminiert werden dürfen. Dennoch schreiben die Hamburger, Felix Genn als Gastgeber der Frühjahrskonferenz der Bischofskonferenz würde sich in Sachen Homosexualität wie Papst Franziskus "immerhin gegen Diskriminierung" aussprechen! So als würden sich die anderen dafür aussprechen!

Der Papst hat bisher an der überlieferten Lehre zu den ewig gleichen Lieblingsthemen der deutschen Zeitgeist-Journaille kein Jota geändert, auch wenn seine nebeligen Äußerungen falsche Interpretationen geradezu herausforderten. Sie sind das Einfallstor für diese durchschaubare Strategie, ein angeblich reformistisches Rom gegen ein neuerdings konservativ-mauerndes Deutschland auszuspielen. Beides sind bewußt konstruierte Chimären.

Der scheidende Kölner Erzbischof, Kardinal Meisner, hat vollkommen recht, wenn er sagt, die Kirche brauche keinen "genialen Typen" an der Spitze, sondern einen, der "den Laden in Ordnung hält". Eben keinen, wie es aus Hamburg heißt, der den leisetreterischen, angepassten Moderator spielt, sondern eine Person mit klarem katholischen Profil. Zollitsch war das eben nicht. Er scheute klare Stellungnahmen. Nach seinen Äußerungen war man hinterher genauso klug wie vorher. Die deutsche katholische Kirche braucht wieder jemanden, der die Position der Kirche klar kommuniziert, nicht die "Positionen der Katholiken", wie es der ZdK-Vorsitzende Glück formulierte. Die individualisierte Diskussion, das ewige Dialogisieren, das Bemühen, es jedem recht zu machen, auch den Kirchenfernen in Hamburger Redaktionsstuben, fördert viel stärker die Kirchenspaltung als die angebliche Vertrauenskrise, die von den Kirchenkritikern aufgebläht wird, um auch vom Versagen der säkularen Gesellschaft abzulenken. Und erst recht nicht das "Duckmäusertum", das Joseph Ratzinger als Chef der Glaubenskongregtion und Papst gefördert hätte, wie Christian Weisner von "Wir sind Kirche" behauptet. Benedikt XVI. war es, der unermüdlich vor einer an die kurzfristigen Moden der Zeit angepassten Kirche warnte, der den Relativismus unserer Zeit scharf kritisierte. Die deutsche Kirche braucht dringend jemanden, der den "Laden ordnet", aber ganz sicher nicht so, wie man sich das in Hamburg und anderswo vorstellt!

Sonntag, 6. Oktober 2013

Wir feiern uns selbst!


Wenn es um die Kritik am modernen, angeblich zeitgemäßen Gottesdienst geht, wie oft ist da zu hören, Übertreibungen kämen selten vor, sie seien die Ausnahme, eigentlich hielte sich doch jeder an die Regeln. Wie weit diese Regeln aber schon gedehnt, ja überdehnt sind, konnte ich heute im Abendgottesdienst in St. Georg feststellen. Dort fand um sieben Uhr der Begrüßungsgottesdienst des neuen Pfarrers statt. Die Kirche war voll, auch der Altarraum fasste die vielen Ministranten kaum. Diese gingen zwar bei der Wandlung alle in die Knie. Als sie aber von der Kommunion zurückkamen, kniete sich keiner mehr hin. Keiner hielt eine kurze Andacht, wie das normalerweise der Fall sein sollte, wenn man gerade den Leib des Herrn empfangen hat. Vielmehr hatten sie diesen noch sichtbar in der Backe, als sie schon wieder mit ihrem Nachbarn bzw. ihrer Nachbarin im Ministrantengewand zu scherzen begannen, fröhliche Blicke austauschten. Von Andacht, Innehalten, In-Sich-Gehen keine Spur.

Der Pfarrgemeinderat, die Kirchenverwaltung, alles was in der Pfarrei mitredet, hatte sich im Altarraum an das Mikrofon gestellt und dem neuen Pfarrer die Treue gelobt, auch aktive Unterstützung, wenn es um die Seelsorge und die Weitergabe des Glaubens geht. Diese Weitergabe findet am deutlichsten, wie man aus dem Schreiben des Kardinal-Erzbischofs von München und Freising erfuhr, in der Feier der Mysterien, in der Eucharistie statt. Darin sollte sich der Mensch zurücknehmen, denn in ihr geschieht etwas, was ihn weit übersteigt. Es ist nichts was er selbst schaffen könnte, wie das Tagesevangelium überdeutlich aussagte. Und was geschah? Von Sich-Zurücknehmen, In-sich-gehen, von-der-eigenen-Wichtigkeit-Abstand-nehmen keine Spur, vielmehr setzte sich das politische Freising und das ökumenische Freising lauthals und wichtig in Szene. In einem Versammlungssaal, etwa des Pfarrheims darf sich jeder verbreiten, Ansprachen und Referate halten. Der Altarraum ist der Ort des Heiligen, der Anbetung und der Feier des Mysteriums, kein Ort für allgemeine, weltliche Ansprachen über die Bedeutung der "Kirchen" im Alltag Freisings. Und erst recht kein Ort für die Beschwörung der Ökumene von seiten einer Pastorin, deren religiöse Gemeinschaft an das, was dort nach katholischem Glauben geschieht, nicht glaubt.

Die Kritik wird von der Wirklichkeit längst in den Schatten gestellt, wenn so der Unterschied zwischen dem Heiligen und dem Profanen flagrant mißachtet wird. Der Applaus zu jeder profanen Ansprache tat ein Übriges, das zu bestätigen.

Sonntag, 17. März 2013

Hermeneutik der Kontinuität



In den Medien, in allfälligen Umfragen heißt es ja oft und gerne, wenn es um die Kirche geht, Reformen täten not. Sie seien das auf und ab, das um und ab, und wer anderes sagt, ist von vorvorgestern. Benedikt XVI. mußte mit diesem Dauervorwurf leben, weil er nicht Küng, Glück oder Lammert folgen wollte, sondern den Heiligen, die inneren Wandel, die Konversion zu Gott als wahre Reform betrachten. Alles andere ist äußerliches, oberflächliches Politikergedöns, das mit dem Wesen des Katholischen soviel zu tun hat wie Lammerts Ökumene-jetzt-Aufruf. Was der Kirche wirklich not tut ist eine Abkehr von den ewig gleichen Reformredereien und eine Konzentration auf das Kerngeschäft, die Ausrichtung auf das Ewige. Der neue Papst wäre bestens beraten, hier anzusetzen und weiterzumachen. Den Reformenthusiasten passt das freilich ganz und gar nicht. Sie würden Benedikt am liebsten zu Hausarrest verdonnern, damit er sich nur ja nicht in die ersehnte Radikalreform des jesuitischen Minderbruders einmischen kann. So hören sich auf alle Fälle gewisse Wortmeldungen an, und auch gewisse Gesten Papst Franziskus' kann man durchaus als Distanzierung vom Vorgänger lesen.

In seinem ersten Angelus nannte er nicht Johannes Paul II., als er von Gottes Barmherzigkeit sprach - was näher gelegen hätte als Kardinal Kasper zu zitieren. Das deutsche Hölderlin-Zitat - obwohl Franziskus nicht mit Vielsprachigkeit zu glänzen versuchte - kann wohl als Wink mit dem Zaunpfahl nach Castel Gandolfo gedeutet werden: das Alter sei ruhig und fromm. Das mag er auf sich bezogen haben, es kann aber auch sein, daß er sich schlicht Einmischung jeder Art verbittet. Msgr. Marini, der verdienstvolle Zeremonienmeister Benedikts XVI. bekam das bereits zu spüren. Als er dem Papst die rotsamtene Mozzetta umlegen wollte, erhielt er eine barsche Abfuhr: "Die können Sie selber anziehen!"

Das mag man als Äußerlichkeiten abtun. Es wirft aber ein Licht auf einen Papst, der seinen ganz eigenen Kopf zu haben scheint, nicht nur in Fragen päpstlicher Mode. Angebliches Wissen, das sich als reine Spekulation entpuppt, ist mir verdächtig. Aber der alte Befreiungstheologe Leonardo Boff scheint auch aus Erfahrung zu sprechen, wenn er in einem Interview mit dem morgen erscheinenden Hamburger Nachrichtenmagazin meint, der neue Papst sei liberaler als mancher meine. Er mag in mancher Hinsicht konservativ erscheinen, so Boff, wenn es um Kontrazeptiva, Zölibat und Homosexualität geht, was er als Kardinal nur tat, weil Rom Druck auf ihn ausübte. Als Papst müsse er darauf keine Rücksicht mehr nehmen.

Boff weiter: "Vor einigen Monaten begrüßte er ausdrücklich, daß ein gleichgeschlechtliches Paar ein Kind adoptiert. Er hat Kontakt zu Priestern, die von der Amtskirche entlassen worden waren, weil sie geheiratet hatten. Und, am wichtigsten, er ließ sich seine Überzeugung nicht nehmen, daß wir auf der Seite der Armen sein müssen."

Ob das mit der Kontinuität wirklich eine so gute Idee war?

Der unbekannte Papst



Ganz ehrlich: ich kann diejenigen, die, kaum war der neue Heilige Vater gekürt, schon wußten, was sie von ihm zu halten haben, nur bewundern. Er nahm den Bus, als er Kardinal war, und nimmt ihn noch, da er Papst ist. Er wäscht den Armen die Füßen und erklärt die Kirche zur Kirche der Armen, und nennt sich obendrein Franziskus, und schon jubeln Prantl von der Süddeutschen und Missionskreise landauf, landab, daß dieses Pontifikat ein Pontifikat der radikalen Christusnachfolge in Armut sein werde. Der Spiegel-Redakteur Matthias Matussek, der gestern noch absoluter Benedikt-Fan war - und es freilich immer noch ist -, auch er weiß jetzt schon, daß der Neue den deutschen Stuhlkreis-Katholiken das Fürchten lehren werde, weil er in seiner ersten Ansprache Leon Bloy zitiert hatte: wer nicht Gott anbete, bete den Teufel an. Mag sich Papst Franziskus auch gegenüber gleichgeschlechtlich Orientierten nicht eben freundlich geäußert haben, die Empörung darüber müsse man aber als Linkskatholik gegenüber der viel wichtigeren Sorge für die Armen zurückstellen. Bescheidenheit, Armutsbekenntnis und doch konservativ - eine Mischung, die einfach begeistern müsse.

Das ist jedoch alles nur Spekulation. Sichtbar ist bisher nur sein nonchalanter Umgang mit der Presse, die liturgisch und ästhetisch zweifelhaften Breitbandbatik-Messgewänder, und eine gewisse Volksnähe. Das sei alles soviel wohltuender als das reaktionäre pomp and circumstance des Vorgängers aus Marktl am Inn. Franziskus kann ein ebenso "reaktionärer" Papst werden, freilich (siehe Leon Bloy!), es kann aber auch das Jesuitische in ihm durchbrechen, das seit dem Konzil nicht eben durch dogmatische Festigkeit aufgefallen ist. Wäre die Kirche eine Kirche der Armen, wie der Neue behauptet, hätten die recht, die das Christentum für Sozialismus mit Heiligenschein halten. Wir sind alle arm vor Gott. Der Arme ist nicht per se gut, weil er arm ist, und der Reiche nicht schlecht, weil er reich ist. Auch ist ein Papst nicht notwendigerweise ein besserer und bescheidenerer Papst, wenn er auf Samtmozetta, Ferula und rote Schuhe verzichtet. Der Verzicht Pauls VI. auf die Tiara ist bekanntlich als Demutsgeste bejubelt worden, obwohl sie das genaue Gegenteil war. Die dreifache Papstkrone ist nicht Zeichen meiner Herrschaft als Papst, sondern Zeichen der Herrschaft Christi. Genausowenig sind alle wohlfeil als Prunk und Protz verunglimpften Insignien päpstlicher Gewalt Zeichen der Macht eines einzelnen Papstes. Wer immer noch meint, er könne auch als Papst sein Junggesellen-Dasein aus der Studentenbude in Buenos Aires weiterpflegen, hat die Aura des überpersönlichen, ganz und gar antisubjektiven Papsttums nicht begriffen.

Gestern haben sich die Kritiker Benedikts noch darüber gefreut, daß er aus Bescheidenheit und Einsicht in seine körperliche Hinfälligkeit zurücktritt. Morgen werden sie den busfahrenden Papst zum Gleichen unter Gleichen gemacht haben, was er als hinfälliger Mensch ist, als Papst nicht. Papst Franziskus kann ein großartiger Papst werden, was aber eben niemand wissen kann. Er kann auch das offenbaren, was sein Vorgänger gerade zurückdrängen wollte: die Übermacht des Persönlichen über das Amt, im Guten wie im Schlechten. Der polnische Papst hat einerseits die Massen durch seine direkte Art, sein Kommunkationstalent begeistert, er hat aber auch das Liturgische und Dogmatische schleifen lassen, weil es ihm nicht so wichtig erschien. Franziskus könnte, ich betone, könnte wieder so ein Charismatiker mit gewissen konservativen Versatzstücken werden. Es könnte aber auch ganz anders kommen. Hoffen wir das beste!

Dienstag, 12. Februar 2013

Die Reform-Autisten


Eigentlich sollte nach dem Rücktritt Benedikts XVI. erst einmal Ruhe und Besinnung einkehren, wenn das schon während seines Pontifikats nicht möglich war. Aber Anstand, Ruhe, Einkehr ist nicht Sache der autistischen Dauerreformer. Benedikt XVI. konnte ihnen noch so brillant die Gründe darlegen, warum ihre Forderungen keine Grundlage in Schrift und Tradition haben, was nützt es, wenn die Damen und Herren Reformer nicht lesen wollen, sich dagegen wehren, auch nur einmal in sich zu gehen und nachzudenken. Beweis gefällig? Sofort! Die angeblichen Wünsche aus der SZ-Redaktion an den neuen, nächsten Papst, den man sich schon als neuen katholischen Obama einbildet.

Dummheit Nummer eins: Die Kirche hätte ein Frauenproblem. Wo denn, wie denn? Weil sie keine Frauenquote hat, weil Leitungsaufgaben nicht paritätisch verteilt werden? Hat die Kirche jemals behauptet, ein Papst käme sicherer in den Himmel als eine Putzfrau oder die Dame, die meint, sie müsse jeden Sonntag die Kommunion "austeilen", obwohl die Spendung des Sakraments allein geweihten Händen anvertraut sein sollte? Das ist es allein, was zählt. Diese Geifern nach Posten und Pöstchen ist ein schlagendes Zeichen, daß es den Reformern nicht um inneren Wandeln, sondern nur um die Befriedigung ihres Karrierismus geht. Heilige Schrift spricht dagegen? Ach, darüber können wir doch auf der nächsten Pfarrgemeinderatssitzung abstimmen. Herr Huber findet das Wunder von Kanaan irgendwie unglaubwürdig, und Frau Meier kann mit der Hölle nix anfangen. Kein Problem - lasset die Basis über die Wahrheit abstimmen!

Dummheit Nummer zwei: Wir wünschen uns eine moderne Familienpolitik. Der Vatikan, die katholische Kirche als neues CDU-Familienminsterium. Wie halten wir die orientierungslose Jugend bei der Stange? Promiskuität freigeben, Pornographie mit weiß-gelbem Gütesiegel, denn die Jugend, so die SZ-Hobbyreformatoren interessiere in Zeiten "zunehmender Sexualisierung" nur: wann will ich, was will ich, was will ich nicht? Daß unsere Gesellschaft nur noch um diese Fragen kreist, ist doch Teil des Problems. Und dem soll sich die Kirche anpassen, im Brei der infantilen instant satisfaction mitschwimmen?! Kein intellektuell halbwegs erwachsenes Wesen kann das ernsthaft wollen. Sollte der Laden irgendwann bis zum Hals im Mist stecken, können wir nur hoffen, daß dann noch jemand da ist, der uns daran erinnert, daß es mehr gibt als: wann will ich, was will ich?

Dummheit Nummer drei: Wir wünschen uns eine bessere Aufarbeitung der Mißbrauchsskandale. Daß Mißbrauch ein Skandal ist, zumal durch eine Vertrauensperson wie ein Geistlicher, hat Benedikt XVI. oft genug betont. Was aber noch nie passiert ist, oder nur sehr verzagt, ist ein Eingeständnis dieser unserer Gesellschaft, daß wir kläglich versagt haben und täglich versagen, wenn es um den Mißbrauch unter unseren Augen geht. Solange das nicht geschieht, ist die Anklage der Kirche nichts anderes als Heuchelei und schlechtes Gewissen. Vielleicht wird gerade deshalb der moralische Zeigefinger so hoch erhoben, und das von den intellektuellen Repräsentanten einer Gesellschaft, die den hunderttausendfachen Kindsmord für ein Recht hält.

Dummheit Nummer vier: Wir wünschen, daß Laien mehr Verantwortung übernehmen dürfen. Dürfen sie! Jederzeit! Sie können sofort damit anfangen. Mission beim heidnischen Nachbarn, der immer so laut Death Metal hört! Oder wenn wieder einmal unerleuchtet gegen die Kirche gestänkert wird, können, ja sollen sie argumentativ für ihre Kirche eintreten. Was aber hören wir landauf landab? Sie leiden alle an ihrer Kirche. Warum? Die ewig gleiche Leier: Zölibat, Frauenfeindlichkeit, Sex-Kitsch...und das wird dann noch beklagt von Leuten, die ihre sexuell aktive Zeit lange hinter sich haben. Es gäbe so wahnsinnig viele Pastoralreferenten, meint die SZ-Redaktion. Die würden dem "behäbigen Koloss Kirche" ein "modernes und sympathisches Gesicht" geben. Ja freilich, der Herr Pfarrer schaut immer so griesgrämig, und der Papst auch. Da wäre mir doch die Pastoralreferentin, die immer so schön vom lieben Jesus erzählt, der zu allen nett war, tausendmal lieber. Sie soll natürlich eine "voll integrierte und akzeptierte Dienerin Gottes" sein, kein "Hilfspersonal" - aber den Herrn Pfarrer soll sie natürlich nicht ersetzen (treuherziger Augenaufschlag!). Wer da nicht hellhörig wird! (siehe Dummheit Nummer eins!)

Dummheit Nummer fünf: (ächz, es mußte ja kommen!) Wir wünschen uns, daß der neue Papst für mehr Ökumene eintritt. Weil sich die Zeiten ändern - 1981 durften Mami (protestantisch) und Papi (katholisch) nicht in katholischer Kirche heiraten - und weil die beiden christlichen "Kirchen" ohnehin gemeinsame Wege gingen - "den der schrumpfenden Bedeutung" - bräuchten wir mehr Ökumene! Ist Wahrheit eine Frage von Zeit und Zahl? Ist das Rad rund, weil man das 1222 für wahr hielt und es 2017 nur noch 15 Leute geben soll, die das für wahr halten. Ist die Ehe ein Sakrament für Katholiken? Ist sie das auch für Protestanten? Nein! Jeder Protestant kann sich ohne weiteres scheiden lassen, ein Katholik nicht. Was Gott verbunden hat, usw. usf.

Dummheit Nummer sechs: Wir wünschen uns, daß der neue Papst nicht aus einer Industrienation stammt. Schwellen- und Entwicklungsländer hätten nicht nur mehr Katholiken, sie könnten mit einem eigenen Papst, die Weltpolitik "auf Augenhöhe mitbestimmen", so die SZ-Leute. Wenn euch da mal das Mitleid mit den benachteiligten Afrikanern keinen Streich spielt! Gegen den Konservatismus manches asiatischen oder afrikanischen Kardinals sind die Warnungen Benedikts XVI. vor der suizidalen Moderne ein freundliches Säuseln.

Dummheit Nummer sieben und acht: Daß Priester heiraten dürfen sollten, ist schon so kalter Kaffee, daß man darüber kein Wort zu verlieren braucht. Und: Wir wünschen uns, daß sich der Papst deutlicher von radikalen Kräften abgrenzt. Er hat das immer getan. Daran kann kein Zweifel bestehen. Die Befreiungstheologen, die den Kommunismus mit dem Christentum verwechselten, mit konservativen Katholiken in einen Topf zu werfen, ob Opus Dei oder Piusbruderschaft, heißt Äpfel mit Birnen vergleichen. Ein Katholik ist weder rechts noch links, er ist katholisch. Wer katholisch sein automatisch mit Sozialpolitik verwechselt und vom Himmel schweigt, verrät sich selbst.

Zwei weitere Dummheiten gab's noch, sei's drum! Was lernen wir daraus? Genau das, was uns tumben, ewig selbstverliebten Deutschen, die meinen, die Welt müsse sich um uns drehen und an unserem Wesen müsse..., genau das, was uns der Papst und sein Vorgänger und sein Vorvorgänger auch schon erfolglos hat eintrichtern wollen: daß das Dauer-Reform-Gewäsch, das ewige "wir wünschen uns eine andere Kirche", noch niemandem in den Himmel geholfen hat!

Freitag, 2. November 2012

Potsdamer Schul-Ideologie


Moderne Pädagogik hat wenig mit den Nöten der Kinder und Jugendlichen und sehr viel mit den verqueren Ansichten und Vorstellungen linker Schuldideologen zu tun. Wenn nur die Hälfte der in den letzten Jahrzehnten durchgedrückten Reformutopien etwas mit der Realität zu tun hätte und nicht allein um des Reformierens willen geschehen wäre, müßten wir längst paradiesische Zustände in unseren Schulen haben. Aber mit ermüdender Regelmäßigkeit lassen interessierte Kreise verlauten, die Reformen seien noch lange nicht an ihr Ende gekommen, die Schulen seien immer noch nicht so gut wie sie sein könnten, usw. usf. Man fühlt sich an jenen Indianer-Spruch erinnert: Erst wenn jeder Schüler seinen staatlich alimentierten Privatlehrer hat, werdet ihr merken, daß nicht jeder Schüler zum Einstein geboren ist, und ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit, Interesse und Stillsitzenkönnen einfach unerläßlich ist.

Aber das hieße ja, horribile dictu, wieder frontale, gehorsamszentrierte, altväterliche Zustände an unseren Schulen einzuführen, wofür schon ein Herr Bueb und diverse andere, die es wagten, gegen das rote Pädagogen-Kartell aufzumucken, Prügel bezogen haben. Noch schlimmer ist der Gedanke, und hier wagen wir uns auf vermintes Gelände, die Geschlechter GETRENNT zu unterrichten. Die Argumente mögen so gut sein wie sie wollen, die Reaktion wird immer die gleiche sein: Ablenken, weghören, mit sachfremden Argumenten totschlagen.

So wieder und erst kürzlich geschehen im schönen Bundesland Brandenburg. In Potsdam bemüht sich seit langem eine christliche Fördergemeinschaft, eine christliche Schule zu errichten, in der nur Buben unterricht werden sollen. Die Gemeinschaft betreibt bereits seit über vierzig Jahren in Jülich im Kreis Düren in Nordrhein-Westfalen ein Mädchengymnasium mit über 700 Schülerinnen, erfolgreich, wohlgemerkt. Ein Blick nach Großbritannien lehrt, daß sich unter den besten zwanzig Schulen nur drei finden, an denen Buben und Mädchen gemeinsam unterricht werden. Der Konkurrenzdruck ab einem gewissen Alter fällt weg, die Zurückhaltung des jeweiligen Geschlechtes in bestimmten Fächern fällt weg, was sich zum Beispiel positiv auf die Studentinnenzahlen in technisch-mathematischen Fächern auswirkt, usw. usf. Statt darauf einzugehen, unterstellen zwei gewiefte Zeit-Journalisten, es gehe der katholischen Fördergemeinschaft nur darum, die Geschlechter auf Distanz zu halten. Dabei sollte jedem klar sein, daß die Distanz spätestens am Schultor endet, und die Trennung nur ein Erziehungsmodell und kein Erziehungsziel ist.

Nun erklärt aber die Brandenburgische SPD, es dürfe in ihrem Land keine geschlechtergetrennten Schulen geben. Die Sache liegt beim Bundesverwaltungsgericht. Sollte es sich gegen das Potsdamer Modell aussprechen, hieße das, daß zwar bestehende, geschlechtergetrennte Schulen weiterbestehen dürfen, aber jede weitere Gründung ausgeschlossen ist. Ganz gleich, ob es den Kindern nützt oder nicht. Denn die andere Seite der Medaille, die reine Bubenschule, hat auch für dieses Geschlecht ihre Vorteile. Die starke Feminisierung der Pädagogik müßte sich zwangsläufig ändern. Es würde mehr Rücksicht auf die ganz anderen Erwartungen und Anforderungen der Buben genommen werden. Was sicher auch dazu führen würde, daß wieder mehr Lehrer eingestellt werden. Die Zahlen sprechen für sich: 57 Prozent eines Abiturjahrgangs sind heute Mädchen, zwei Drittel der Sitzenbleiber Buben.

Die Frage, wer den Balken und wer den Splitter im Auge hat, ist angesichts der tristen Verhältnisse in unserer Schulen, trotz oder gerade wegen jahrzehntelanger Reformen bzw. Deformen, seit langem geklärt.

Mittwoch, 27. Juni 2012

Zölibat - Der Schatz im Acker

Das Standardthema der Kirchenreformer und -kritiker ist bekanntlich neben dem Frauenpriestertum der Zölibat, die Ehelosigkeit der Priester. Man kann es ihnen eigentlich nicht mehr verdenken. Ihre Kritik ist durchaus nachvollziehbar, wenn man den Hintergrund, die allgemein, selbst unter Katholiken verbreitete Sicht der Kirche mitdenkt. Sie wird nicht mehr als "Heilsanstalt", als Stiftung Christi wahrgenommen, die uns den Weg in den Himmel ebnen soll, sondern vielmehr als Sozialverein, der uns Lebenshilfe leistet, mit einer gewissen spirituellen Grundierung. Hinweise auf Sünde, auf die Unauflöslichkeit der Ehe, die der unauflöslichen Bindung Christi an seine Kirche entspricht, die grundsätzliche Distanz zu den weltlichen Dingen, weil das Jenseits viel wichtiger ist, erscheinen vor diesem Sozialvereins-Hintergrund klarerweise veraltet, mittelalterlich, ja buchstäblich aus einer anderen Welt. Warum soll ein Priester noch ehelos leben, wenn er sowieso nur eine Art spiritueller Gemeindevorsteher ist? Warum ein "Gesetz" einhalten, das sich irgendein Papst aus rein weltlichen Gründen einstens ausgedacht hat? Daß dem ganz und gar nicht so ist, legte der Pastoraltheologe Prof. Dr. Wollbold von der LMU München am Dienstagabend in der Freisinger Diözesanbibliothek ausführlich und in dankenswerter Klarheit dar. Jenes vielzitierte "Zölibatsgesetz" wäre tatsächlich ein Oktroi, wenn es nicht in der Lehre des Herrn und der Praxis der Urgemeinde wurzeln würde. Die Jünger ließen alles zurück, was nichts anderes bedeutete als den Verzicht auf das, was nach dem Verständnis der Zeit Leben lebenswert machte. Nicht anders als heute war dieser Verzicht auf Besitz und eheliches Leben "um des Himmelreiches willen" eine wahrhaft himmelschreiende Provokation, vor allem wenn man die Diesseitigkeit der römischen (und unserer) Gesellschaft bedenkt. Christus forderte seine Jünger zur konsequenten Nachfolge auf. Er fragte sie nicht im Stil heutiger pastoraler Aufrufe: Könntet ihr euch vorstellen... Der Preis, um dessentwillen die Jünger dieses Opfer auf sich nahmen, war und ist das ewige Leben, das Zeichen, daß man sich nicht im Hier und Jetzt durch Haus und Familie verewigen muß, da es etwas Größeres gibt, was über das Hier und Jetzt hinausweist. Verliert sich dieses Bewußtsein, dieser feste Glaube in einem diesseitigen Wohlfühlchristentum, das vor allem aus wohlfeiler Globalisierungskritik und ökologischen Appellen besteht, verliert auch der Zölibat seinen Urgrund. Er lebt aus dem Wunsch, Christus in allem gleich zu werden, um des Himmelreiches willen, mag auch die Zeit und die Gesellschaft ganz anders denken. Die aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften taten das, was die Zeit dachte, und wurden zwangsläufig mitgezogen. Das protestantische Pfarrhaus war ein Spiegelbild der Zeit wie es die Zeitgeistigkeiten des aktuellen deutschen Protestantismus sind. Die katholische Kirche blieb davon lange Zeit verschont, weil ihr Klerus sich ganz und gar der Nachfolge widmen konnte, am Altar, in der Spendung der Sakramente, in der Seelsorge, und so spannte sich die Kirche um den gesamten Globus, weil ihr Klerus nicht orts- und familiengebunden war. Das ließ die Kirche auch angesichts fataler Ausschläge des Zeitgeistes wie in den 1930er und 40er Jahren besser widerstehen als der gesellschaftlich angepasste Protestantismus. Der Zölibat als Instrument gegen die allzeit dräuende Verweltlichung, vor der nicht zuletzt der Papst in seiner Freiburger Rede eindringlich gewarnt hat. Wollbold nannte den Zölibat einen "Seismographen" für den Zustand der Kirche. Wenn der Glaube fest ist, wenn die Gläubigen die Sakramente nicht als Dienstleistung betrachten, sondern als himmlischen Segen, für den sie ein Opfer bringen sollen, dann sehen sie auch im Priester nicht den Dienstleister, den Vorsteher, sondern den Stellvertreter Christi am Altar. Wenn das alles stimmt, dann braucht sich die Kirche auch um den Priesternachwuchs keine Sorgen zu machen. Wenn die Verweltlichung aber überhand nimmt, darf man sich über aggressive Kritik am Zölibat selbst aus katholischen Reihen nicht wundern. Ist ja doch die Forderung, Priester sollten heiraten dürfen, angesichts unserer laisser-faire-Unkultur schon wieder antiquiert. Warum sollte er heiraten dürfen? Er sollte die Partner wechseln dürfen wie wir alle auch. Mit der Treue, zu der uns Christus aufrief, die in der Treue Christi zu seiner Kirche ihr Spiegelbild hat, hat das freilich nichts mehr zu tun, noch weniger mit dem Glauben an die Ewigkeit, mit der uns der Herr für unsere Treue und die seiner Priester belohnen wird. Wollbold wies auf die Türme des Freisinger Domes hin, die zum Himmel weisen: "Die Kirche wird den Zölibat nicht aufgeben, solange sie an den Himmel glaubt."

Montag, 14. Mai 2012

Der politische Kindergarten

Selten hat man eine so lockere, gemuetliche Runde bei Jauch sitzen gesehen wie gestern abend. Der einzige, der nicht mitspielen durfte, war der FDP-Vorsitzende. Ihm zeige die eigene Partei den Ruecken, wenn Wahlgewinner wie Kubicki sich nicht einmal vom Vorsitzenden gratulieren lassen wollen, stichelte Jauch, nachdem eines dieser unsaeglichen Einspielfilmchen Roesler "allein zuhause" gezeigt hatte. Trittin schob den "Radikalliberalen" auch noch in die rechte Ecke, zum Blockierer einer gerechten Finanzmarktordnung. Stell Dich in die Ecke, wohin Du gehoerst! Dass da Frau von der Leyen als Haetschelkind der Kanzlerin nicht auch noch in die Buesserecke wollte, kann man verstehen. Ihre kindischen Versuche, im Sandkasten zu bleiben, waren freilich Steilvorlagen fuer Gabriel und Trittin. Erst recht, von der Leyens Meinung, die "spannenden" Wahlerfolge der antichristlichen, antiliberalen, antibuerglichen Piraten wuerden vor allem den Gruenen schaden. Muss die CDU mittlerweile schon auf die Piraten hoffen, um die Opposition zurueckzustutzen? International sei ja Merkel ueberragend, national verliere ihre Partei zwar ebenso ueberragend, aber letztlich gehe es nur darum, sich moeglichst "breit aufzustellen", so Frau von der Leyen! Das ist ihre fast schon bemitleidenswert hilflose Bilanz der katastrophalen politischen Entwicklung der Union. Dass sich da Gabriel wohlig im Sessel waelzt und herablassend-rotzfreche Kommentare an Roesler austeilt, kann nun wahrhaftig nicht verwundern. Dabei haette keiner aus der schwarz-roten Sippschaft Grund, auch nur den Ansatz einer triumphalen Geste zu zeigen. Denn an der exorbitanten Ueberschuldung und der nachgerade sozialistischen Staatsquote, die den leistungstragenden Mittelstand erstickt, tragen sie alle ihr geruetteltes Mass an Schuld. Die Arroganz, mit der Gabriel im Gleichklang mit dem franzoesischen Wahlgewinner Hollande von neuen Steuern und Staatsschulden spricht, "um Wachstum zu generieren", wird nur noch von seiner im Amt erworbenen Korpulenz uebertroffen. Wie nahe muessen wir dem Staatskollaps eigentlich noch kommen, dass diese Herrschaften ihren Primitiv-Keynesianismus endlich aufgeben? Der Gipfel der selbstherrliche Arroganz war erreicht, als Gabriel den FDP-Vorsitzenden in die rechte Ecke stellte. Was immer man von den praesidialen Talenten Roeslers halten mag. Aber dass ein Mann, der schlicht und einfach an das erinnert, was die Bundesrepublik gross gemacht hat, an Disziplin, Masshalten und Sparen, zeigt ueberdeutlich, dass wir mit den linken Grossparteien - und die CDU gehoert mittlerweile definitiv auch dazu - genau dort angekommen sind, wovor Helmut Kohl zu recht gewarnt hat: Eine Staatsquote ueber 50 Prozent ist Sozialismus. Schuldenmachen gilt als Tugend. Andernfalls haette der Schuldenrekord der Frau Kraft in Nordrhein-Westfalen das Genick brechen muessen. Der eitle Sonnenschein bei Jauch war angesichts der Perspektiven nicht anderes als Zynismus. Dass Jauch trotzdem seine jungenhafte Smalltalk-Attituede nicht ablegen konnte, stimmt nachdenklich. Anne Will war schon schlimm genug.

Freitag, 30. März 2012

Die Nationalkirchlichen des 21. Jahrhunderts


Was ist katholisch? Vor dieser Antwort druecken sich gerade unsere Theologen wortreich. Sie bevorzugen das Etikett "christlich" in der Meinung, damit wuerde man die "Verengung" auf die katholische Amtskirche vermeiden und alle, die sich irgendwie der "Sache Jesu" verbunden fuehlen, in einer grossen Wohlfuehlgemeinschaft vereinen. Der Ernst der "Sache Jesu" geht darueber freilich floeten. Dem alten Luther war dieser Ernst so ernst, dass ihn die Angst vor der Verdammnis so sehr herumtrieb, dass er dafuer selbst den Bruch mit der Kirche und damit letzlich die ewige Verdammnis riskierte. Heute meint mancher seiner angeblichen Nachfolger eher dadurch verdammt zu werden, wenn er den Regenwald nicht pflegt oder die gerade aktuellen Parolen des real existierenden Feminismus und Egalitarismus nicht mit der Bibel rechtfertigt, ohne Ruecksicht darauf, ob die Bibel das auch hergibt. Die Angst vor der Verdammnis durch den Zeitgeist hat laengst die Angst vor der Verdammnis verdraengt.

Diese Angst vor der aktuellen, sehr diesseitigen Hoelle treibt auch jene um, die zur Zeit zum "Ungehorsam" gegen ihre Kirche blasen, die Kohorten des Herrn Schueller aus dem schoenen Oesterreich. Man fragt sich, welche Art von Katechismus-Unterricht dieser und seine lauten Anhaenger einst genossen haben? Schueller ist nicht mehr der Juengste, auch wenn er sehr viel juenger aussieht. Daher sollte er, als er sich dafuer entschied, Priester zu werden, noch gewusst haben, was ein katholischer Priester ist, wie er der Kirche zu dienen hat, dass er das heilige Messopfer am Altar darzubringen hat, fuer das Heil der Seelen, dass dieses Heil wichtiger ist als das doch sehr kurz bemessene Wohlergehen im Diesseits, etc., etc. Er kennt die katholische Lehre, er muss sie kennen, es sei denn, sein damaliges Priesterseminar war schon damals komplett von der aktuellen Zeitgeistangst heimgesucht.

Fuer ihn gilt aber auf einmal, machet euch nicht dieser Welt untertan, wie der Heilige Paulus seligen Angedenkens meinte, sondern macht euch nur ja nicht Rom oder noch weniger dem untertan, was da vielleicht kommen koennte, wenn uns der Herr aus dieser besten aller Welten abberuft. Frueher haben die Leute noch ein Paar Schuhe durchgelaufen, wenn es um einen Primizsegen ging. Heute wuerden das die "Ungehorsamen" als Aberglauben abtun, und bestehen laut darauf, dass jeder eine Kirche und einen Gottesdienst am Ort habe! Welche Art von Gottesdienst ist egal! Is doch eh ois aans! Daher wollen die "Ungehorsamen" auch nicht verstehen, warum der Bischof von Passau, Wilhelm Schraml, Wortgottesdienste nicht als Ersatz anerkennen will. Er kann nicht anders! Er besitzt im Unterschied zu seinen Kritikern, die ihn dafuer als herzlos beschimpfen, noch die Gabe der Unterscheidung.

Allein diese Unfaehigkeit zur Differenzierung sollte hinreichen, um die "Ungehorsamen" als haeretisch zu qualifizieren. Wer nicht mehr in der Lage ist, eine gueltige Messe von einer Andacht, einem religioes angestrichenen Ringelpiez mit Anfassen zu unterschieden, der vergisst, wenn er es nicht bewusst missachtet, das zentrale Unterscheidende des Katholischen - die heilsnotwendige Praesenz des Herren unter den Gestalten von Brot und Wein. Der Bischof von Graz, Egon Kapellari, hat es, Gott sei's gedankt, daher auch endlich gewagt, die Aufstaendischen als das zu bezeichnen, was sie sind - Abtruennige, die ihren privaten Heilslehren anhaengen.

Die These, grosse Teile der deutschen und der oesterreichischen katholischen Kirche seien auf dem direkten Wege zu einer von Rom unabhaengigen Nationalkirche, hat leider vor allem mit dieser Sehnsucht zu tun, nicht anders zu sein als die anderen. Wenn sie denn intellektuellen Tiefgang haette! Wenn sie nur im Ansatz jenen Nationalkirchlichen des 19. Jahrhunderts wie Renan oder Loisy aehneln wuerde, die mit akademischem Anspruch ihre modernistischen Tiraden ritten! Nichts davon! Heute kocht alles darauf herunter: Spiel nicht mit den katholischen Schmuddelkindern, die sich immer noch auf die Heilige Schrift, die Tradition und den alten Schmaeh berufen, um Frauen, Geschiedene und andere zu diskriminieren! Auf, lasset uns um das goldene Kalb der Tagesmeinung, der zeitgeistigen Wohlfuehlreligion tanzen!

Luthers Reformation wird heute gerne so gedeutet, als waere der Augustinermoench schon damals von dieser fatalen Tendenz zum Bruch mit Rom verleitet worden, Luther als Vordenker der heutigen Couch-potato-Christen. Nichts davon! Luther plagte nicht die Angst vor den kirchenkritischen Geisslers, Kuengs und diversen "Anchor men and women" der deutschen und oesterreichischen Fernsehanstalten. Er hatte noch Angst vor dem ewigen Gericht, davor, nicht gottgefaellig zu leben. Das Zeitgeistgefaellige der Schueller und Co. kann und wird nie die Zukunft der Kirche sein.

Dienstag, 27. März 2012

Matussek und die Mandarine


Nach langer Zeit des Schweigens ist es hoechste Zeit, einmal wieder die Stimme zu erheben. Es gibt ja eine Klasse von Zeitgenossen, die vollmundig von den einfachen Christen, den einfachen Buergern schwadroniert, von denen, die besser als die "da oben" wuessten, was recht und richtig sei. Das gilt in der Politik genauso wie in Kirchendingen. Die Funktionaere der "Kirche-von-unten"-Bewegung wie die Revoluzzer der antikatholischen, antikirchlichen oesterreichischen "Pfarrer-Initiative" folgen genauso dieser Strategie wie ein Heiner Geissler oder ein Hans Kueng.

An der vielbeschworenen Basis sei man, so wiederholen sie unentwegt, sehr viel weiter als in Rom. Was dieses ominoese "viel weiter" bedeutet, und woran es sich misst, davon schweigen sie wortreich. Wenn es aber diese Basis wagt, eine eigene Meinung zu haben, will heissen, wenn diese Basis einmal nicht ihren Verfuehrern folgt, sind diese masslos enttaeuscht ob dieser Rueckstaendigkeit. Erst kuerzlich klagte ein in die Jahre gekommener Pfarrer der Konzils-Aufbruchs-Generation in der Sueddeutschen Zeitung, die Kirche sei nach wie vor ungemein reformbeduerftig. Es sei ungeheuer viel zu tun, und man sei ja doch schon sehr weit gekommen. Aber, so der Herr Pfarrer, koenne dieser berechtigte Widerstand versacken, weil, ja weil die juengere Generation eher wieder "romhoerig" sei.

Ach ja, wir erinnern uns, im kalten Krieg teilte man die Welt in Moskauhoerige und Washingtonhoerige ein - das Reich des Boesen gegen das Reich des Lichtes. Das Reich des Lichts, der Weltweisheit und der Aufgeschlossenheit ist im Lager der Kirchenvolksbewegten, der ewigen Reformer, das Reich des Boesen...in Rom. Wer als "romhoerig" qualifiziert wird, kann nur ein Dunkelmann sein. Diese Dunkelmaenner zeichnen sich durch etwas unerhoert Skandaloeses aus: Sie glauben! Sie glauben an das, was die Kirche aller Zeiten seit allen Zeiten verkuendet! Sie haben keine Lust, sich dieser Zeit gleichfoermig zu machen, wovor schon der Heiligen Paulus warnte. Aber was ist der Apostelfuerst schon gegen einen Kueng oder Geissler, die unablaessig davor warnen, die Kirche gerate ins Ghetto, ins gesellschaftliche Abseits, wenn sie weiter an ihren verstaubten Dogmen, an ihrem Kinderglauben haengt.

Der Spiegel-Publizist Matthias Matussek musste sich diesen typisch deutschen Cheftheologen-Mandarin-Duenkel vor kurzem waehrend einer Diskussion ebenfalls gefallen lassen. "Er glaube ja viel, wisse aber sehr wenig", meinte die KNA darauf, weil er, so der Vorwurf, Rom verteidigt hatte! Das ist die klassische post-reformatorische, deutsche Arroganz - am deutschen Wesen/Wissen soll die Kirche genesen! Jene Arroganz, die den Glaeubigen nicht den Glauben vermittelt, sie nicht wirklich weiser und wissender macht, sondern ihnen mit taeglich wechselnden Modetorheiten den Kopf verdreht.

Der Kommentar von Matthias Matussek sei zur Lektuere waermstens empfohlen:

http://www.kath.net/detail.php?id=35840

Dienstag, 13. Dezember 2011

Die falsche Aufregung


Die Sache ist ja abgetan. Die deutsche katholische Bischofskonferenz hat sich von "Weltbild" getrennt. Alle, die sich vorher ueber die Verweltlichung der Kirche, ueber die Zweckentfremdung von Kirchensteuern, ueber den gewaltigen Vertrauensverlust der Kirche entruestet hatten, waren's zufrieden. Der Papst hatte "Entweltlichung" angemahnt, und die verweltlichte deutsche Kirche, die fuer Mammon den Glauben und die Menschenwuerde mit Fuessen tritt, habe sich eines Besseren belehren lassen.

Wenn es denn so einfach und schoen waere! Man hat den Eindruck, die Kirche haette in deutschen Landen keine gewichtigeren Probleme. In konservativen Foren wird regelmaessig darueber Klage gefuehrt, wie der Glaube vor die Hunde kaeme. Dass Hochschulprofessoren das Gegenteil des ueberlieferten Glaubens lehrten, dass sich Bischoefe selten bis nie getrauen, die Politiker an ihre Christenpflichten zu erinnern - siehe den nominell katholischen Bundespraesidenten, siehe die Unions-Politiker, die fuer Donum Vitae arbeiten und sich beschweren, wenn man sie an die Mahnworte des letzten und des jetzigen Papstes erinnert, oder die unseligen Debatten zur Stammzellforschung und zur PID.

Der Felder, die zu beackern waeren, sind es mehr als genug, man kennt sie eigentlich zur Genuege: Schulkinder, die bis zum Abitur trotz katholischen Religionsunterrichts das Glaubensbekenntnis mehr schlecht als recht kennen, usw., usf. Und da erregt man sich ueber einen Medienkonzern, der neben der Masse an vollkommen harmlosen Titeln auch einige Sexratgeber und zweifelhafte Esoterikschinken im Angebot hat!

Man verstehe mich nicht falsch! Selbstredend sollte ein Unternehmen, dessen Eigentuemer die deutsche katholische Kirche ist, darauf achten, was in seinem Namen produziert und verkauft wird. Aber man soll doch die Kirche wahrhaftig im Dorf lassen und den "Skandal" nicht zur Frage auf Sein oder Nichtsein der Kirche hochspielen! Angesichts der Kirchenaustritte, des grassierenden religioesen Analphabetismus ist ein Glaubensstreit ueber fragwuerdige Buchtitel, die bei "Weltbild" erscheinen, nachgerade laecherlich. Dass diese Verlagesgruppe der Kirche gehoert, wussten ja viele noch nicht einmal.

Die Bischoefe haben sich relativ rasch entschlossen, "Weltbild" zu verkaufen. Man wuerde sich wuenschen, sie handelten ebenso rasch, wenn wieder ein durchgeknallter Pfarrer seinen Altarraum leerraeumt und modernisiert, oder ein Professor Unkatholisches vom Vortragspult verkuendet! So bleibt der hastige Verkauf von "Weltbild" ein Placebo, das ausserdem wirtschaftspolitisch toericht ist. Warum konnte man sich nicht nur von den fragwuerdigen Produkten trennen?

Mittwoch, 21. September 2011

Der Papstbesuch



Wenn man den Journalisten, Medienschaffenden und nicht zuletzt vielen unserer Politiker glaubt, ist Papst Benedikt XVI. in Deutschland eigentlich nicht willkommen. Wladimir Putin durfte vor dem deutschen Bundestag sprechen, weil dieses Land auf den Ölreichtum Russlands angewiesen ist. Da sieht man gerne über gewisse menschenrechtliche Probleme hinweg. Der Papst hingegen wird zur Unperson stilisiert, weil er dieses Land auf seinen ethischen Relativismus, seine Schizophrenien hinweist. Freilich tobt sich jetzt wieder der uralte deutsche, antirömische Affekt aus. Rom ist für alles Schlechte in der Welt verantwortlich. Der Zölibat knechte und verbiege den Charakter, tönen diejenigen, die zum Sexualtherapeuten müßten, weil sie von ihrer Sucht nicht loskommen. Der Papst sei willkommen, tönt der Altrevoluzzer und RAF-Sympathisant Christian Ströbele, wenn er sich endlich für die Verbrechen seiner Kirche in Lateinamerika entschuldigen würde. Stillschweigend fallen PID, vorgeburtliche Kindstötung und alles das, was sich laizistische und kirchenfeindliche Regime in diesem und im letzten Jahrhundert haben zuschulden kommen lassen, unter den Tisch.

Der Papst wird von diesen Leuten nicht gefürchtet, weil er sie zum Christentum bekehren könnte, sondern weil er sie an ihr Gewissen erinnert. Mag einer sich noch so antichristlich gebärden, sich noch soviele "Vernunftgründe" gegen den angeblichen Irrsinn des Glaubens ausdenken, das Gewissen rührt sich auch noch im wütendsten linken Atheisten, Anhänger der Giordano-Bruno-Stiftung oder Erz-Grünen. Prälat Wilhelm Imkamp von Maria Vesperbild nannte es einen Erfolg des Papstbesuches, daß schon jetzt heftig über den Besuch gestritten und diskutiert wird. Das Christentum läßt die Menschen nicht kalt. Auch und gerade Medien wie das Hamburger Kampfblatt nicht, die sich in suggestiven Schlagzeilen überschlagen, wenn es um den Papst geht: "Der Unbelehrbare", "Der Unfehlbare". So schwachsinnig und falsch diese Beinamen sind, sie offenbaren, daß diese so streitbaren Weltlichen arme Würstchen sind. Sie sind zu selbstverliebt, um sich ihre Angst einzugestehen, und haben nicht den Mut, sich zur einzigen Hoffnung zu bekennen, die wir haben. Christus ist Mensch geworden, um uns von dieser Angst zu befreien.

Der Papst ist nicht der absolutistische Monarch, der antidemokratische Wüterich, als den ihn seine Feinde beschreiben. Er ist der demütige Diener seines Herrn, der unser aller Herr ist. Und als diesen sollten ihn alle Menschen guten Willens in seiner Heimat willkommen heißen!

Sonntag, 31. Juli 2011

Ein Plattenbau für die Freisinger Altstadt


In diesen Tagen, da die Wellen über den Bau der dritten Startbahn hochschlagen, ist viel von Flächenverbrauch und dem Schaden die Rede, den man damit Mensch, Umwelt und dem Erbe antut, das wir unseren Kindern hinterlassen wollen. Daß gleichzeitig, ja tagtäglich in unseren Städten dieses Erbe beeinträchtigt, ja zerstört wird, scheint niemanden zu interessieren. Offiziell wird zwar in jeder Sonntagsrede von unserem schönen München schwadroniert, von den Altstädten Freisings oder Nürnbergs, während eben gleichzeitg in dieses Erbe hemmungslos eingegriffen wird.

Nehmen wir zum Beispiel München. In einem früheren Beitrag haben wir schon erwähnt, daß die Strecke zwischen Donnersbergerbrücke und Hauptbahnhof mittlerweile von Gebäuden gesäumt wird, die diesen Namen eigentlich nicht verdienen. Weiße, gesichtslose Kästen, seelenlose, unästhetische Legebatterien für jene, die meinen, um jeden Preis im Zentrum Münchens wohnen zu müssen. Ganz abgesehen davon bieten sie dem mit der Bahn anreisenden Touristen ein eher abschreckendes Bild des angeblichen "Millionendorfs" München.

Wer Freising besucht, wird auch eher den Domberg und die so typisch altbayerische Altstadt im Kopf haben. Wer unbedingt moderne, "zeitgemäße" Architektur besichtigen will, kann dies nach Herzenslust in Frankfurt oder anderen "Metropolen" tun. Auch wer an den unsäglichen architektonischen, einstmals modernen Relikten der untergegangenen DDR interessiert ist, muß sich beeilen, denn in den nicht mehr so neuen neuen Bundesländern werden die Plattenbauten mittlerweile "rückgebaut", wie es so schön im Amtsdeutsch heißt. Man reißt sie ab, weil niemand, aber auch niemand in diesen menschenunwürdigen Bruchbauwerken mehr wohnen möchte.

Aber nichts ist so scheußlich, daß es nicht noch Nachahmer finden würde. In der Ziegelgasse im schönen, ach so altbayerischen Freising, geht man momentan daran, die eigentlich ad acta gelegte Episode der deutsch-deutschen Geschichte unfröhliche Urstände feiern zu lassen. Mag der Neubau innerlich auch auf dem neuesten Stand der Zeit sein, was Wohnkomfort und ähnliches betrifft. Äußerlich ist er schlicht und einfach ein Schandfleck. In jedem Neubaugebiet, wo sich ein Schachtelhäuschen an das nächste reiht, würde er sich wunderbar einfügen. Aber inmitten der altehrwürdigen Häuser ringsum, in einem relativ intakten Altstadtgefüge ist diese Form der Architektur ein Schlag ins Gesicht. Warum ist es nicht möglich, eine Fassadenform zu finden, die sich den umstehenden Häusern anpasst, die nicht brutalstmöglich mit diesen kontrastiert? Müssen moderne Architekten mit ihren Bauwerken der Tradition unbedingt ihre Verachtung ins Gesicht schreien?

Apropos Tradition, Erhaltung unserer geschätzten bayerischen Altstädte? Wo sind die, die sonst bei jeder Gelegenheit im Trachtenanzug aufmarschieren und wortreich diese Tradition beschwören? Und was sagt das Landesdenkmalamt zu solchen architektonischen Einbrüchen in gewachsene Altstädte?

Mittwoch, 6. Juli 2011

Otto von Habsburg



Nur wenige Monate später ist nun Otto von Habsburg seiner Gattin nachgefolgt. Der Tenor der Berichterstattung ist sich zumindest darin einig, daß eine große Persönlichkeit von uns gegangen ist, daß mit Erzherzog Otto von Habsburg eine Epoche zuendegeht. Wen gibt es auch sonst, der eine derart lange Zeitspanne hätte überblicken können, von der Zeit vor dem ersten Weltkrieg über die Katastrophe der Hitlerdiktatur, die drückenden Jahre des Kommunismus bis in die Gegenwart unter dem Zeichen der europäischen Einigung? Otto von Habsburg war nicht nur Zeitzeuge, er hat aktiv eingegriffen, sich gegen die kommunistische Drangsal mit Wort und Tat gewehrt, er hat selbst sein Leben eingesetzt, um Österreich vor der braunen Unterdrückung zu bewahren. Welcher unserer gegenwärtig aktiven Politiker könnte das von sich sagen? Und dennoch ist die Reaktion in politischen Kreisen auf sein Ableben relativ lau, einmal abgesehen von den üblichen Beileidsbekundungen.

Die "Süddeutsche" spricht in typischer herablassender Süffisanz von "Otto dem Letzten", und im ORF ist in unterträglicher Impertinenz stets von "Otto Habsburg" die Rede, so als ob man noch über das Grab hinaus ein Bekenntnis zu den unseligen Habsburgergesetzen ablegen müßte. Mancher scheint seinen Gleichheitsdünkel, die händereibende Genugtuung, daß auch ein Habsburger in das Bürgerliche hinabsteigen mußte, auch jetzt noch auskosten zu müssen. Dabei ist die Crux eben die, daß das dem Sohn des (vorerst) letzten Kaisers von Österreich-Ungarn weniger Kopfzerbrechen bereitet hat als seinen kleinbürgerlichen Kritikern. Seine Mutter, Kaiserin Zita, hatte ihn Pflicht-, Verantwortungsgefühl und vor allem einen festen Glauben gelehrt. Wohin ihn das Schicksal stellte, daraus wußte er das beste zu machen.

Zahllose Vorträge, viele Bücher und Aufsätze, sein Engagement im Europaparlament in einem Alter, in dem andere EU-Parlamentarier längst ihre Pension verjubeln, all das zeigt, daß Otto von Habsburg sein Leben als Pflichterfüllung im Dienste eines Höheren verstand. So und damit richtig gesehen ist Gottesgnadentum die Verpflichtung, die aus der besonderen Stellung erwächst. Otto von Habsburg lebte in dem Bewußtsein, das ihn seine Mutter und sein tieffrommer Vater, der selige Karl von Österreich-Ungarn, gelehrt haben, daß er dereinst für das, was er im Diesseits getan hat, Rechenschaft würde ablegen müssen. Ein Bewußtsein, das unseren Profipolitikern vollkommen abgeht, das ihn auch nicht mehr verständlich zu machen ist.

Sein Vorbild ist eine Mahnung, die man am besten durch Herunterspielen, durch Verweis auf einen angeblichen inexistenten "Habsburg-Mythos" und "Sissi-Sentimentalitäten" zu zerstreuen versucht. Otto von Habsburgs Leben und Leistung sind ein Vorbild für alle jene, denen unsere Gesellschaft am Herzen liegt, eine Gesellschaft, die immer mehr den Technokraten, Bürokraten und Ideologen zu erliegen droht. Wir verneigen uns in Dankbarkeit, Ehrfurcht und Respekt vor einem großen Menschen, Politiker und Christen.

Der Herr lasse ihn ruhen in Frieden, und das ewige Licht leuchte ihm!

Montag, 4. April 2011

Wutchristen, graue Panther und die Zukunft der Kirche


Allenthalben ist ja momentan vom "Wutbürger" die Rede, oder positiver gewendet vom bürgerschaftlichen Engagement (Heiner Geissler), das sich in der Zerstörung von Schutzzäunen vor Stuttgart 21 oder der Vermöbelung von Polizeibeamten äußert. Diese neue Bewegung ist nur deswegen populär, weil sie sich gegen alles richtet, was dem linksliberalen Establishment gegen den Strich geht. Würde die dreifache Zahl an konservativen Wutbürgern auf die Straße gehen und Transparente hochhalten, wäre das dem Hamburger Nachrichtenmagazin oder der süddeutschen Postille keine Zeile wert. Siehe Theologen- bzw. Professoren-Memorandum contra "Pro-Ecclesia": hie unterschrieben etwas mehr als 311 betagte, unbelehrbar vom Konzilsgeist-Enthusiasmus angekränkelte, im Grunde vom Glauben abgefallene "Theologie"-Professoren und "PastoralreferentInnen", dort waren es mehr als 14.000. In der Mainstream-Presse - (fast) kein Kommentar.

Daß das Wutbürgerliche ein altersloses Phänomen ist, zeigte sich jüngst auch in Bonn. Kregel und frohgemut erklärten rüstige Senioren der Konzilsgeneration, sie hätten zum erstenmal einen Facebook-Account aufgemacht, wüßten jetzt wie man twittere, und auch eine Demonstration hätten sie schon beim Polizeipräsidenten angemeldet. Doch was treibt die Silberhaarigen an (bei allem Respekt vor dem Alter)? Man höre und staune: Daß der Erzbischof von Köln die Gläubigen an das Wesentliche im Leben, die echte Liebe, erinnert hat, und daß sie einen neuen Pfarrer bekommen haben, der den Protestlern aber nicht passt, weil sie gerne mitbestimmt hätten, wen sie da "vorgesetzt" bekommen.

Die Begeisterung der angeblich meinungsbildenden Medien für den Wutbürger würde sofort auf Null sinken, wenn die (wirklich) katholischen Wutbürger deren Redaktionsgebäude angreifen würden, aus Protest gegen polemisch antikirchliche Artikel, die aus jeder kirchenpolitischen Mücke einen Elefanten zu machen versuchen. Aber da das der Katholik nicht tut, wird gnadenlos auf ihn eingedroschen. So wieder einmal, zum hundertausendsten Mal in der jüngsten Ausgabe des Spiegel. Und der Gegenstand der maßlosen Entrüstung gilt dem "Wachhund" der Kirche, dem Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner, der das unglaubliche Verbrechen begangen hat, seine Gläubigen an die Lehre der Kirche zu erinnern. In einem Hirtenbrief "wettere" er, so das Hamburger Magazin, "gegen Sex vor der Ehe". Von wettern kann keine Rede sein. Wer sich den Brief vorurteilslos durchliest, findet nichts von jenem reaktionären Hautgout, den das Magazin unterstellt, vielmehr Sinn für die Probleme unserer Zeit, für die Sehnsucht nach Liebe und erfüllter Sexualität abseits der egoistischen Triebbefriedigung, den uns der Mainstream immer noch vorschreibt. Und den auch die Politik trotz demographischer Katastrophe und sexueller Verwahrlosung der Heranwachsenden durch allzeit verfügbare Internet-Pornographie noch immer nicht als Problem erkannt hat.

Es hat schon etwas Komisches an sich, wenn alternde Demonstranten von der Hamburger Postille als die neuen "Wutchristen" vorgestellt werden. Enthaltsamkeit ist nicht ihr Problem, sondern die Wut über eine "diktatorische Personalentscheidung" des Kölner Erzbischofs! Man höre und staune! Da wird landauf, landab über den Priestermangel geklagt, und ein paar "Wutchristen" empören sich darüber, daß sie überhaupt noch einen Kleriker abkriegen. Und die Hamburger Journaille reibt sich die Hände, daß der Wutbürger-Funke auch auf die Laien-Konzilsgeneration der Sechzig- und Siebzigjährigen überspringt.

Dieses billige Spiel haben gerade die jungen Katholiken längst durchschaut, von denen viele das Gegen-Memorandum unterzeichnet haben. Merke: Auf Kritik, besonders wenn sie berechtigt ist und noch dazu wenn sie von der Kirche kommt, reagieren vor allem die am empfindlichsten, die sonst jeden Rabauken zum Wutbürger und jeden Wichtigtuer zum Wutchristen hochstilisieren.

Und um sich selbst eine (unverzerrte) Meinung davon zu bilden, was Kardinal Meisner wirklich gesagt hat: http://www.erzbistum-koeln.de/export/sites/erzbistum/dokumente/erzbischof/hirtenworte/jcm_hw_11_fastenzeit.pdf

Donnerstag, 3. März 2011

Guttenberg und kein Ende


Man sollte von Politikern ja niemals erwarten, daß sie Heilige wären, daß sie sich auch nur bemühen würden, nach den hohen Prinzipien, die sie stets vor sich hertragen, auch zu leben. Die Linke schwadroniert von Solidarität, Enteignung der Besitzenden, schürt nach Kräften den Sozialneid. Doch kein Gysi oder Ernst geht in Sack und Asche. Für Sozialdemokraten besteht Gerechtigkeit in der permanenten Umverteilung von oben nach unten, der Geldverschwendung mit gutem Gewissen. Und die Christdemokraten führen zwar das Christliche noch im Parteinamen, wollen sich darauf aber nicht mehr wirklich festnageln lassen. Soviel zum Thema Ehre, Anstand und Prinzipientreue in der deutschen Politik.

Nicht nur deshalb klingt die Tugenboldigkeit, die gerade Politiker wie Trittin und Konsorten im Falle Guttenberg auf einmal angefallen hat, so doppelbödig, ja verlogen. Kein Fischer, kein Schröder, kein Trittin ist je auf sein Verhältnis zur Staatsgewalt, seine laxe Moral, seine Relativierung der russischen Demokratiedefizite oder die Verherrlichung der RAF derart hart herangenommen worden wie der fränkische Baron. Das sind alles verzeihliche Fehler, weil sie mit gutem, linkem Gewissen geschahen.

Und da geschieht nun das Unglaubliche: ein gutaussehender junger Politiker, der nicht jeden Satz vom Blatt ablesen muß, der nicht mit scheußlichen Krawatten herumläuft, dem die Anzüge sitzen, und der obendrein noch gute Politik macht, und sich nicht für jeden Satz bei den linken Moralaposteln in der Politik und den Medien entschuldigt, ist beim Volk populär. Und das auch noch, obwohl er Adeliger ist. Die Opposition, die nun alles tut, um ihn abzuschießen, und die sonst dem Volk stets nach dem Maul redet, aber das Gegenteil tut, übt sich in Volksverachtung. Das Volk wüßte es nicht besser, es sehne sich nach einem Idol, das aber ein Luftikus im Maßanzug sei. Sein konservatives Weltbild, das er vor sich hertrage, sei leer.

Das sagen ausgerechnet die, die Tugenden als sekundär verdammen. Die die Soldaten in Afghanistan links liegen lassen, obwohl die mit Leib und Leben sich für die Sicherheit unserer Gesellschaft einsetzen. Nur deshalb heulte die Medien- und Politikermeute auf, als Guttenberg, diesmal mit Frau, zum wiederholten Male nach Afghanistan aufbrach. Das dumme Geschwätz von Instrumentalisierung sollte nur verdecken, daß es manchem einfach zuwider war, daß um die Soldaten im Einsatz soviel Wirbel gemacht wird. Der Einsatz an sich ist ihnen zuwider, also soll man gefälligst auch so wenig wie möglich darüber reden.

Die Plagiatsgeschichte ist diesen selbstgerechten Herren und Damen vollkommen egal. Ihr Neidkomplex hätte sein Genügen bereits an der ärgerlichen Popularität dieses dünkelhaften Jungschnösels gehabt. Daß Guttenberg ihnen den Gefallen tat, ihnen mit seiner abgekupferten Doktorarbeit den Vorwand zu liefern, ihr kleinliches Mütchen zu kühlen - das ist ihm wahrlich vorzuwerfen. Der Vorwurf fällt aber auf eine Politikerkaste zurück, die sich selbstzufrieden, fett und moralinsauer zum Richter aufwirft, obwohl ihnen das am schlechtesten zu Gesichte steht. Wer an kein jüngstes Gericht, geschweige denn an Sünden glaubt, aber den Tugend-Weltenrichter im hier und jetzt spielt, macht sich lächerlich.

Der Fall Guttenberg hat gezeigt, daß die Demokratie nicht überleben kann, wenn sie nur verwaltet wird. Sie muß auch Identifikationsfiguren haben, Politiker, die diese glanzlose Republik im wahrsten Sinne des Wortes repräsentieren können. Die Politbürokratie grauer Parteimäuse verliert für jedermann sichtbar an Zuspruch. Der überwältigende Zuspruch für Guttenberg ist der sichtbare Protest, der unseren Volksvertretern zu denken geben sollte. Und er bleibt überwältigend populär trotz des Dissertationsproblems, weil die Mehrheit merkt, daß dieses Problem nur vorgeschoben ist. Die Zwerge wußten sich nicht mehr anders zu helfen, um den Riesen zu stürzen.

Montag, 7. Februar 2011

Offener Brief an deutsche Theologen


Der Kulturjournalist Alexander Kissler hat nach seinem offenen Brief an Bundestagspräsident Lammert, der die Zulassung katholischer verheirateter Männer zum Priesteramt gefordert hatte, heute einen weiteren offenen Brief an die Theologen gerichtet, die das "Memorandum 2011" unterzeichnet haben:

Meine lieben deutschen Theologen,

den lieb ich, der Unmögliches begehrt? Wäre es so einfach, wie es das Zitat behauptet, müssten wir alle uns ergriffen an die Brust fassen und eine Träne der Rührung verdrücken und stolz ausrufen: ach, unsere guten deutschen Theologen, wie schön, dass wir sie haben.

So aber, meine lieben Theologen, ist es nicht, zumindest dann nicht, denke ich speziell an Euch, an jene bisher 193 meist habilitierten und staatlich bestallten Lehrenden, die Ihr ein „Memorandum 2011“ unterzeichnet habt. Ja, Ihr wollt Unmögliches, Ihr wisst es genau, und dennoch fällt es mir schwer, Euch als Himmelsstürmer, Weltenstürzer so hoch einzuschätzen, wie Ihr selbst Euch vermutlich einschätzt.

Ihr wisst, dass Eure behend hervorgeholten Forderungen nicht verwirklicht werden. Noch mehr Frauen am Altar, ergänzt durch verheiratete Priester, gerne auch geschieden, gerne auch schwul: Warum sollte diese mit katholischer Tradition komplett brechende Agenda irgendein Bischof in Rom vortragen? Zumal sie aus einem Land stammt, in dem nicht einmal zwei Prozent aller Katholiken leben, von denen wiederum nicht alle Euch applaudieren.

Unmögliches begehrt Ihr, das allein darf man Euch nicht vorwerfen. Vielleicht hat Euch zu später Lebensstunde Sturm und Drang gepackt? Das wäre schön und nicht zu neiden. Aber es sind eben vor allem Exerzitien der intellektuellen Selbstkasteiung, denen Ihr Euch hingebt. Ihr stellt euch – bitte entschuldigt das harte Wort – viel, viel schlichter, als Ihr seid. Ihr spiegelt uns eine Armut im Geiste vor, die keinem von Euch wirklich eigen sein kann.

Ich kenne Euch, Euch kluge Professoren Biesinger und Bremer, Höhn und Mieth und Striet und Schockenhoff, und Ihr und die 187 anderen wollt uns glauben machen, Ihr hättet ein so schlichtes Gemüt, ein so schwaches Gedächtnis, wie es aus dem „Memorandum“ entgegen schlägt? Ihr müsst es besser wissen. Ihr wisst es besser. Und darum ist Euer Memorandum – entschuldigt bitte abermals – ein Witz, der nicht zündet, eine Maskerade, die nicht glückt.

Ihr schreibt von einer „beispiellosen Krise“, einer „tiefen Krise unserer Kirche“ anno 2010/2011. Was waren die Christenverfolgungen der Urkirche, waren die Spaltungen im 11. und 16. Jahrhundert, war der Kulturkampf, war die bedrängte Zeit im „Dritten Reich“, war die antikirchliche Staatsdoktrin der DDR? Allesamt waren das demnach minder schlimme Krisen, Kriselchen, denn „beispiellos“ soll nur die Gegenwart sein. Sollte Euch, die Ihr gewiss die hebräische Bibel gelesen habt und die Apokryphen, das Gedächtnis plötzlich nur bis ins Jahr 1990 zurückreichen? Man liest und fühlt sich veralbert.

Die Krise, die Ihr meint, speist sich aus den in der Tat absolut erschütternden Fällen sexuellen Missbrauchs, die in jüngster Vergangenheit ans Licht kamen. Aber wieso, bitteschön, begegnet man den „Ursachen von Missbrauch, Verschweigen und Doppelmoral“ am besten durch einen „offenen Dialog über Macht- und Kommunikationsstrukturen“? Würde das einen kranken, innerlich längst vom Glauben abgefallenen Menschen davor bewahren, einem anderen Menschen wehe zu tun?

Nein, man kann hier fast den Eindruck gewinnen, schlimme Vorfälle dienten zum willkommenen Nagel, an dem noch einmal ein verstaubtes Bild aufgehängt werden soll: das Bild von der ramponierten Kirche, die Ihr, liebe Theologen, mit eigener Hand zurecht biegen wollt. Jeder Klempner ist dem Rohrbruch gut Freund. Wer sich gesund wähnt, hat nur den falschen Arzt.

Therapeutisch wollt Ihr, liebe Professoren, eingreifen in den Strom der Zeit. Ihr ortet „verknöcherte Strukturen“ – weil Ihr selbst sie nicht ersonnen habt? Und noch einmal: Braucht diese Diagnose nicht das apokalyptische Szenario, das Ihr zeichnet, um nicht sofort als staubtrockener Antrag auf eine innerkirchliche Verwaltungsreform enttarnt zu werden? Man liest, hört die Absicht, ist verstimmt.

Schlichtest erscheint auch die Berufung auf das Zweite Vatikanum, das Ihr gewiss ein und aus studiert habt. Es dient hier als Einwickelfolie für die Forderung, von der „modernen Gesellschaft“ zu lernen. Das Zweite Vatikanum hat aber exakt jene Verfasstheit von Kirche bekräftigt, die Ihr nun überwinden wollt. Warum schreibt Ihr dann nicht, es sei Zeit, sich vom letzten Konzil zu lösen? Das wäre ehrlich und mutig und also das Gegenteil des tatsächlich Gesagten.

Gläubige bleiben der Gemeinde fern, schreibt Ihr weiter, wenn sie sich nicht „an der Leitung ihrer Gemeinde beteiligen“ dürfen. Woher wisst Ihr das? Kommt der Katholik zur Messe, weil er leiten will? Ist das der Inhalt der Liturgie: Einübung in Leitungskompetenz? Auch hier gilt: Ihr wisst es besser.

Und schließlich ist der fordernde Ton aus dem Munde reiferer Herrschaften bemerkenswert. Spricht man so, wenn man sich auf der Speckseite des Lebens angekommen wähnt? Ihr setzt „Sünder“ in Anführungszeichen, reduziert die Bibel auf eine sehr diesseitige „Freiheitsbotschaft“ – wo bleibt übrigens das Alte Testament? –, plädiert für „Befreiung und Aufbruch“ als Resultat eines „Dialogprozesses“, redet aber zugleich im Kasernenton. Es gelte, es müsse, es dürfe nicht: Das „Memorandum“ wirkt wie die Parodie auf einen Einberufungsbefehl. Stillgestanden, reformiert euch, weggetreten!

Natürlich werden die 1,17 Milliarden Katholiken deshalb keine schlaflosen Nächte bekommen. Es ist ja nur eine schiefe Maskerade, ein Witzlein aus Germanien. Was aber, frage ich Euch, werdet Ihr nun in Euren Vorlesungen, Übungen, Seminaren tun? Mit doppelter Energie und in kirchlichem Auftrag wider die wunschgemäß als „verknöchert“ entlarvte Kirche wüten?

Nein, das werdet Ihr nicht tun. Ihr habt ja geschrieben, ein „echter Neuanfang“ sei nötig und jede Menge „Mut zur Selbstkritik“. Also werdet Ihr ganz anders reden, als Ihr es noch im „Memorandum“ tatet. Ihr werdet neu anfangen in der Disziplin des Dienens und des Glaubens und Euch von niemandem in Eurer Selbstkritik übertreffen lassen. So wird es kommen.

Mit hoffnungsfrohen Grüßen,
Alexander Kissler.